Neophyten - Neulinge in unserer Pflanzenwelt

Herzlich begrüßte Dipl. Biologin Susanne Petersen, stellvertretende Technische Leiterin des Botanischen Gartens, eine Gruppe  interessierter Pflanzenfreundinnen und Pflanzenfreunde zur Lehrwanderung "Neophyten – geschätzte und weniger geschätzte Neulinge in der Pflanzenwelt" am 20. September 2014.

Bei strahlendem Wetter stellte uns die Biologin Pflanzen vor, die früher nicht bei uns lebten, inzwischen aber vielerorts zum Landschaftsbild zu gehören scheinen. Inwieweit künstlich eingebrachte Pflanzenarten als willkommen gelten oder unerwünscht sind, dies wird unter Wissenschaftlern, Naturschützern und Landwirten kontrovers diskutiert - zahlreiche dieser Pflanzen gelten bei uns mittlerweilen als gern gesehene Zier- und Nutzpflanzen.  Doch gelten Neophyten als problematisch, sobald sie heimische Arten verdrängen.

Ergänzend verwies sie auf § 40 Abs. 4 des Bundesnaturschutzgesetzes hin, wonach das Ausbringen von gebietsfremden Pflanzen in der freien Natur grundsätzlich genehmigungspflichtig ist und dass jede Neuansiedlung durch Imker oder durch die Ablagerung von Gartenabfall unterlassen werden sollte.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, so die Biologin, dass die Vegetation auf der Erde sich insbesondere durch Klimaveränderung stark gewandelt hat. Gegen Ende der letzten Eiszeit - vor ca. 15.000 Jahren - waren weite Gebiete des nicht von Eis bedeckten Landes nur spärlich bewachsen. Aufgrund von Klimaerwärmung wanderten jedoch heimische Pflanzen in Europa aus eigener Kraft wieder ein. Mit der Einführung des Ackerbaus vor ca. 7.000 Jahren wurden etwa 60.000 Pflanzenarten vom Menschen eingeführt, darunter absichtlich Nutz- und Zierpflanzen (zusammen ca. 30 %). Mit der Besiedelung Mitteleuropas gelangten darüber hinaus zahlreiche weitere unbeabsichtigt eingeschleppte Arten hinzu (z.B. als Beimengungen von Getreide, Saatgut, Wolle oder an der Kleidung haftend).

Pflanzen, die in einem Gebiet eingeführt worden sind werden in Archäophyten und Neophyten eingeteilt. Bei Archäophyten (Alteinwanderer) handelt es sich um Pflanzenarten, die bis zur Entdeckung Amerikas, also vor 1492 eingeführt wurden. In Deutschland waren dies 275 Arten. Als Neophyten (Neueinwanderer) dagegen werden eingeführte Pflanzenarten nach diesem Zeitpunkt bezeichnet. In Deutschland waren dies 405 Arten. Heute wachsen ca. 3000 Pflanzenarten in Deutschland, davon sind rund 680 Arten eingeschleppt und etabliert und davon  ca. 50 Arten invasiv. Als invasive Arten werden im Naturschutz gebietsfremde Pflanzenarten bezeichnet, die unerwünschte Auswirkungen auf andere Arten, Lebensgemeinschaften oder Biotope haben. So können sie z.B. in Konkurrenz um Lebensraum und Ressourcen zu anderen Pflanzen treten und diese verdrängen. Invasive Neophyten können auch ökonomische (z.B. als Unkräuter) oder gesundheitliche Probleme (z.B. Allergien) verursachen.

Nun folgte der praktische Teil. Nach wenigen Schritten erreichten wir einen stattlichen Baum, der in seiner  Heimat eine Größe von 12 bis 20 Meter  erreichen kann: Die Gewöhnliche Robinie (Robinia pseudoacacia), auch falsche Akazie, Scheinakazie oder Silberregen genannt, gehört der Unterfamilie der Schmetterlingsblütler in der Familie der Hülsenfrüchtler an. Sie stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde im 17. Jahrhundert als Zierbaum eingeführt.

Viele Teile der Robinie sind giftig, besonders aber die Rinde und die Früchte. Diese Eigenschaft dient der Pflanze als Fraßschutz. Als Leguminose ist sie in der Lage, Luftstickstoff mit Hilfe symbiotisch mit ihr lebenden Knöllchenbakterien zu binden, was ihr gegenüber anderen Arten einen Vorteil verschafft.

Sie besitzt wechselständige und unpaarig gefiederte Blätter. Wenn die Sonne stark scheint, kann sie - ähnlich wie Mimosen – die Blätter mit Hilfe kleiner Gelenke senkrecht nach unten klappen. An jungen Ästen stehen paarweise rotbraune Dornen.

Die duftenden Blüten besitzen viel Nektar und locken zahlreiche Insekten an.

Die Fruchthülsen der Robinie bleiben bis in die Winterzeit und mitunter bis ins Frühjahr am Baum hängen. Deshalb bezeichnet man die Robinie auch als Wintersteher.

Das Holz der Robinie gilt als widerstandsfähig und äußerst hart und wurde deshalb als Nutzholz eingeführt.

Die Robinie verbreitet ihren sehr lange keimfähigen Samen durch den Wind. Außerdem kann sie sich über Wurzelausläufer vegetativ vermehren. Bei Rodung bildet sie zahlreiche Wurzelsprossen, die wiederum andere Arten verdrängen.

Die Beseitigung von Robinienbeständen erweist sich als sehr aufwändig und erzeugt  außerdem eine starke Bodenveränderung durch Anstieg des Stickstoffgehaltes.

Kleine Randbemerkung: Als Neozoon (Tierarten, die absichtlich oder unabsichtlich durch den Menschen in andere Gebiete verbracht worden sind und sich dort fest etabliert haben)  ist die Robinien-Miniermotte der Robinie gefolgt: 1983 in Basel erstmals entdeckt, inzwischen weit in Europa verbreitet.

Wir wanderten weiter auf dem Amerika-Pfad und entdeckten die Spätblühende Traubenkirsche (Prunus serotina) aus der Familie der Rosengewächse. Auch sie stammt aus Nordamerika und zählt wegen ihres dynamischen Ausbreitungsdranges ebenfalls zu den Neophyten.

In ihrer Heimat kann die raschwüchsige Pflanze eine Wuchshöhe von bis zu 35 Metern erreichen. Ihre Äste sind fast waagerecht ausgerichtet mit wechselständig angeordneten Laubblättern.

Die weißen, duftenden Blüten werden von Bienen und Schwebfliegen bestäubt.  Ihre Steinfrüchte sind essbar, doch sind die Samen in den Steinkernen wie auch Blüten und Rinde giftig.

Der Amerika Pfad führte uns zur Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), eine Pflanzenart der Unterfamilie der Asteroideae in der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Ihr ursprünglicher Lebensraum sind die Prärien Nordamerikas. Sie wurde im 19. Jahrhundert in Europa eingeführt als Zierpflanze und Bienenweide und gilt als invasiver Neophyt.

In Deutschland gehört die Kanadische Goldrute zu der am weitesten verbreiteten nicht heimischen Pflanzenart. Ihre Blütezeit liegt zwischen August und Oktober (Spätblüher). Die Bestäubung erfolgt durch Fliegen, Schwebfliegen, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge. Die Verbreitung der Früchte erfolgt an kleinen Schirmchen über den Wind. Ebenso erfolgt eine Vermehrung über Rhizome.

Inwieweit es ob des extensiven Ausbreitungsdranges dieser Ruderalpflanze auf großen Flächen einer Bekämpfung bedarf, muss durch eine Kosten-Nutzen-Abwägung entschieden werden.

Auch noch heute wird sie bei Nieren- und Blasenleiden eingesetzt - als Tee zubereitet wirkt sie stark harntreibend.

Die gesamte Pflanze kann zum Färben eingesetzt werden.

 

Auf unserer Wanderung begrüßte uns ein bunter Teppich mit herbstblühenden Alpenveilchen (Cyclamen hederifolium). Diese Art, auch Efeublättriges Alpenveilchen, Herbstalpenveilchen oder Neapolitanisches Alpenveilchen genannt, gehört kurioserweise zu den Primelgewächsen. Susanne Petersen berichtet der staunenden Gruppe, dass sich in der reifen Samekapsel große Samenkörner mit klebrigsüßen Anhängseln befinden. Die Anhängsel (Elaiosomen) sind von der Natur als Lockmittel für Ameisen gedacht, die die Samen in ihren Bau schleppen und so für Aussaat und Verbreitung sorgen.

 

Auf vorbildlich gemulchten Wegen erreichten wir auf dem Asienpfad nun das Kleinblütige Springkraut (Impatiens parviflora), eine Pflanzenart in der Familie der Balsaminengewächse (Balsaminaceae). Ihr  Herkunftsgebiet ist Sibirien und die Mongolei. Sie wurde im 19 Jahrhundert vor allem in Botanischen Gärten gehalten (z.B. Berlin, Genf und Dresden). 50 Jahre später wurde sie auch in naturnahen Wäldern gefunden.

Es handelt sich um eine einjährige, verzweigte Pflanze mit einer Wuchshöhe von etwa 60 cm. Die hellgelben, zwittrigen  Blüten werden insbesondere von Schwebfliegen bestäubt, aber auch Selbstbestäubung ist möglich. Die Blütezeit reicht von Juni bis Oktober.

Bei Berührung oder Erschütterung der Kapselfrucht springt diese auf und schleudert den Samen bis zu 3 Meter weit weg (Selbstausbreitung).

Das Kleinblütige Springkraut ist der häufigste Neophyt mitteleuropäischer Wälder. Entgegen früherer Annahmen finden sich ausgedehnte Bestände vor allem an Standorten mit für andere Arten ungünstigen Lebensbedingungen, sie stellen deshalb keine Konkurrenz zu einheimischen Arten dar. Eine Bekämpfung ist bisher nicht empfohlen.

Susanne Petersen stellte nun das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera), auch Indisches Springkraut genannt, und ebenfalls aus der Familie der Balsaminengewächse vor. Ursprüngliche aus dem Indische Subkontinent stammend gelangte sie über England im 19. Jahrhundert als Zierpflanze nach Europa; wurde also gezielt eingeführt. Sie wächst vor allem in feuchten Nadelwäldern und Lichtungen, Straßengräben und Ackerrändern, benötigt aber ausreichend Feuchtigkeit und Licht. Die Wuchshöhe beträgt 50 bis 300 cm. Die Blütezeit reicht von Juni bis Oktober. Die purpurroten, rosa und seltener weißen Blüten sind eine beliebte Bienenweide. Bestäuber sind vor allem Bienen und Hummeln.

Foto: Herbert Fuchs

Der Verbreitungsmechanismus ist vielfältig: Die Früchte können durch einen Schleudermechanismus bis zu sieben Meter weit springen. Eine Pflanze kann bis zu 4.000 Samen produzieren, in Reinbeständen können bis zu 32.000 Samen pro Quadratmeter im Boden festgestellt werden. Der Samenvorrat kann mehrere Jahre keimfähig bleiben. Selbst umgeknickte Pflanzen treiben an den Nodien (Nodium=Knoten=Ansatzstelle der Blätter und Blüten) wieder Wurzeln und wachsen dann wieder aufrecht weiter. Ebenso ist eine vegetative Ausbreitung über schwimmende Sprossteile möglich.

Inwieweit es bei diesem Neophyten einer gezielten Bekämpfung bedarf ist strittig. Wichtig ist dabei der exakte Zeitpunkt (Ende Juli mit den ersten Blüten und möglichst tief).

Etwas abseits gelegen fiel uns sofort ein Warnschild ins Auge. Es betrifft den Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum), auch Herkuleskraut genannt, einezwei- bis mehrjährige krautige Pflanze aus der Familie der Doldenblütler (Apiaceae). Ihr Herkunftsgebiet ist der Kaukasus. Sie wurde im 19. Jahrhundert als Zierpflanze importiert und verbreitete sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts insbesondere durch Imker sehr rasch europaweit.  2008 wurde der als invasiv eingestufte Neophyt zur Giftpflanze des Jahres gewählt.

Ab Juni entstehen an den dicken und hohlen Stengeln mehrere weiße,  tellerförmige Blütendolden mit bis zu 80.000 Einzelblüten je Dolde, die bis zu 50.000 Samen pro Pflanze produzieren können und die dann durch Wind, Wasser und Tiere weiterverbreitet werden. Die Keimfähigkeit des Samens kann bis zu 10 Jahre betragen!

Für den Menschen ist die Pflanze gefährlich! Der Saft der gesamten Pflanze ist phototoxisch. Bei Berührung der Pflanze in Verbindung mit dem Sonnenlicht kann es zu schweren Hautentzündungen mit starker Blasenbildung (entsprechen Verbrennungen 3. Grades!, sehr tiefgehend mit Narbenbildung)kommen.  An heißenTagen werden die Giftstoffe von der Pflanze auch in die Luft abgegeben; es genügt dann bereits eine längere Anwesenheit in der Nähe der Pflanze um Reaktionen wie Atemnot oder akute Bronchitis auszulösen!

Foto: Susanne Petersen

Für Kinder erweist sich die imposante Gestalt des Riesenbärenklaus als verführerisch. Gerne werden die Stängel als Blasrohr benutzt oder als Schwerter für Ritterspiele benutzt. Schwere Vergiftungserscheinungen zwingen dann zu stationärer Behandlung im Krankenhaus.

Information der Öffentlichkeit – insbesondere frühzeitige Aufklärung der Kinder über die Gefahren beim Umgang mit dem Riesenbärenklaus, gehört zur wichtigsten Maßnahme.

Für die äußerst schwierige Bekämpfung des Riesenbärenklaus sollte fachmännischer Rat eingeholt werden. Seit 2014 hat die CAU einen Bärenklau-Monitoring-Beauftragten.

Wir wanderten noch weiter ins Abseits und erreichten den Japanischen Flügelknöterich (Fallopia japonica), auch Kamtschatka-Knöterich genannt, aus der Familie der Knöterichgewächse  (Polygonaceae). Sein Verbreitungsgebiet ist China, Korea und Japan. Auch er wurde gezielt als Zier- und Futterpflanze eingeführt, insbesondere von den Imkern.

Es handelt sich um eine sehr schnellwüchsige, sommergrüne Staude, bei der zum Frostbeginn sämtliche überirdischen Teile absterben. Über die bis zu 10 cm dicken und bis zu 2 Meter tief in der Erde liegenden Rhizomen kann die Pflanze im Frühjahr wieder austreiben  innerhalb weniger Wochen eine Wuchshöhe von bis zu 3 Metern erreichen (Tageszuwachs von 10 bis 30 cm!). Die Rhizome (Rhizome=unterirdische Sprosse) verfügen über eine hohe Regenerationsfähigkeit. Schon ein kleines Teilstück genügt, um eine Kolonisation auszulösen.

Die Blütezeit der zweihäusigen Pflanze (in Deutschland sind nur weibliche Pflanzen bekannt, eine Fruchtbildung ist deshalb unmöglich) erstreckt sich von Juli bis September und die Pflanze gilt daher als begehrte Bienenweide.

Auch der Japanische Flügelknöterich zählt aufgrund seiner hohen Konkurrenzkraft und sehr schnellen Bildung von Biomasse zu den invasiven Neophyten.

Die Bekämpfung von Flügelknöterichbeständen erweist sich als äußerst schwierig.  Vorbeugende Maßnahmen (z.B. keine weiteren Pflanzen ausbringen, keinen mit Rhizomen verunreinigten Boden verwenden!)! sind einer Bekämpfung vorzuziehen.

Zum Abschluss unserer kleinen Exkursion relativiert Susanne Petersen die Bedeutung gebietsfremder Arten im Verhältnis zueinander. So sind etwa dreimal so viele Arten (=rund 90 bis 150 Arten)von Mitteleuropa nach Nordamerika bzw. Ostasien eingeschleppt worden als umgekehrt.

Paradebeispiel: der Gewöhnliche Blutweiderich (Lythrum salicaria). Er wächst bei uns vereinzelt oder in lockeren Beständen in feuchten Gebieten und erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 1,3 Metern.

Im 19. Jahrhundert wurde diese Pflanze mit Wolle oder Schiffsballast nach Nordamerika und Neuseeland eingeschleppt und hat dort seit etwa 1930 durch Massenausbreitung auf Feuchtgebieten die Vegetation nachhaltig verändert. Die Pflanze erreicht dort aufgrund günstiger Bedingungen die doppelte Wuchshöhe und machte deshalb oftmals kostenintensive Bekämpfungsmaßnahmen notwendig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir waren am Ende unserer Wanderung angelangt. Ein herzliches Dankeschön an Susanne Petersen für diese interessante Führung ins Reich der Neophyten!

 

 

Bildmaterial, wenn nicht anders vermerkt: Manfred Böhmer

AnBoeh