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Gift im Pflanzenreich

Gut gelaunt begrüßte Professor Dr. Dietrich Ober, Direktor am Botanischen Institut und Botanischen Garten, die zahlreich erschienenen Naturfreundinnen und Naturfreunde, um sie bei strahlendem Wetter in die Welt der Giftpflanzen zu führen.

Nach einem Hinweis auf die an der Forschungswerkstatt und in den Gewächshäusern erhältliche Gartenführerreihe „Auf eigene Faust …“, die es Besuchern des Botanischen Gartens ermöglicht, sich auf thematische Erkundungstouren zu begeben (weitere Infos zu den Gartenführern finden sie hier), wanderten wir zum Herzstück des Botanischen Gartens.

Im System erwartete uns mit ihren glänzenden schwarzen Beeren eine krautige Staude: Die Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna aus der Familie der Nachtschattengewächse, erstmals beschrieben von Carl von Linné). Die gesamte Pflanze enthält Alkaloide, insbesondere das vom Besuch beim Augenarzt bekannte Atropin. Dieses Gift führt zur Pupillenerweiterung, kann aber – in Abhängigkeit von der eingenommenen Dosis - auch zu Lähmungserscheinungen bis hin zum Atem- und Herzstillstand führen. Doch obwohl die Tollkirsche zu den sehr stark giftigen Pflanzen gehört, werden ihre Beeren sehr gerne von Vögeln verzehrt, die keinen Schaden nehmen und so die darin enthaltenen Samen weiterverbreitet.

Tollkirsche mit Früchten

In enger Nachbarschaft erreichten wir den Eichenblättrigen Stechapfel (Datura quercifolia aus der Familie der Nachtschattengewächse). Er besitzt ähnliche Inhaltsstoffe wie die Tollkirsche und ist in allen Bestandteilen hochgiftig. Bei Anzeichen einer Vergiftung muss sofort die Gift-Notrufzentrale verständigt werden! Es sollte ein Teil der verzehrten Pflanze aufgehoben und keinesfalls Milch gegeben werden.

Eichenblättriger Stechapfel mit Früchten

Die ganz in der Nähe stehende Lampionblume (Physalis alkekengi aus der Familie der Nachtschattengewächse) leuchtete uns mit ihren organgefarbigen lampionartigen Blütenkelchen entgegen. Die eigentliche Frucht sitzt im Inneren und gehört botanisch zu den Beeren. Diese Pflanze ist gering giftig.

 

Frucht mit umhüllenden Kelchblättern der Lampionblume

Der Lampionblume sehr ähnlich ist die Kapstachelbeere, auch Andenbeere genannt (Physalis peruviana aus der Familie
der Nachtschattengewächse). Deren ungiftigen und vitaminreichen Beeren finden sich auch in unseren Obstabteilungen.

Etwas abseits gelegen erreichten wir den Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum, eine zwei- bis mehrjährige krautige Pflanze aus der Familie der Doldenblütler), auch Herkuleskraut genannt. Ein sofort ins Auge fallendes Schild weist auf die phototoxischen und hautschädigenden Eigenschaften sowie die hohe Gefährlichkeit dieser Pflanze hin. Im Pflanzensaft von Blättern und Stängel enthaltene Furanocumarine können in Verbindung mit Sonnenlicht zu Verbrennungen der Haut führen. 2008 wurde der als invasiv eingestufte Neophyt zur Giftpflanze des Jahres gewählt.

Riesen-Bärenklau

Information der Öffentlichkeit – insbesondere frühzeitige Aufklärung der Kinder über die Gefahren beim Umgang mit dem Riesenbärenklaus - gehört zur wichtigsten Maßnahme.

Für die äußerst schwierige Bekämpfung des Riesenbärenklaus sollte fachmännischer Rat eingeholt werden. Seit 2014 hat die CAU einen Bärenklau-Monitoring-Beauftragten.

Der ebenfalls der Familie der Doldenblütler angehörige Gefleckte Schierling (Conium maculatum aus der Familie der Doldenblütler) ist im Botanischen Garten nicht anzutreffen, aber auch er gehört wie der Wasserschierling und die Hundspetersilie zu den giftigsten Doldengewächsen. Der in allen Teilen enthaltene Wirkstoff ist das Alkaloid Coniin. Die Giftigkeit des Schierlings war bereits in der Antike bekannt. Der Saft der Pflanze wurde zur Vollstreckung von Todesurteilen verwendet. Die Hinrichtung des Sokrates war mit dem „Schierlingsbecher“ verbunden.

Eine Verwechslungsgefahr besteht mit der in Mitteleuropa heimischen Wilden Möhre (Daucus carota subsp. carota aus der Familie der Doldenblütler). Sie gehört zu den ältesten Kulturpflanzen und ist als Stammmutter unserer Kulturmöhre subsp. sativus essbar.

 

Wir betrachten die stacheligen Früchte des Wunderbaumes (Ricinus communis aus der Familie der Wolfsmilchgewächse).

 

... mit wechselständigen Laubblättern, Blütenständen und dreifächerigen Kapselfrüchten 

... marmorierte Samen (Castorbohnen)Der in den Tropen und Subtropen beheimatete Rizinusstrauch wird in Gärten wegen seines Blattschmucks angebaut. Die Kapselfrüchte enthalten marmorierte Samen, die gerne zum Basteln verwendet werden, wovon jedoch dringend abzuraten ist, denn in den Samen befindet sich das hochgradig giftige Ricin!

Das aus den Samen gewonnene Rizinusöl ist als Abführmittel allseits bekannt. Bei der Herstellung wird das Rizin durch Extraktion und Hitzeinaktivierung neutralisiert. Rizin zählt zu den giftigsten Eiweißstoffen in der Natur und bewirkt im menschlichen Organismus das Absterben von Zellen.

 

 

 

 

Die Zucchini (Cucurbita pepo subsp. pepo convar. Giromontiina aus der Familie der Kürbisgewächse) kann giftige Bitterstoffe (Cucurbitacine) enthalten. Mit Bezug auf einen Vergiftungsfall mit Todesfolge erläuterte Professor Ober, dass bitter schmeckende Zucchini, Kürbisse und Gurken entsorgt und keinesfalls verzehrt werden sollen. Ursache für das Entstehen der giftigen Bitterstoffe sei eine Rückmutation beim wiederholten Einsatz selbstgezogener Samen oder die Kreuzung mit anderen Kürbispflanzen.

Der Gemeine Goldregen (Laburnum anagyroides aus der Familie der Hülsenfrüchtler, Unterfamilie der Schmetterlingsblütler) ist in den Gärten weit verbreitet. Das in allen Pflanzenteilen enthaltene stark giftige Cytisin ist besonders in den Samen hoch konzentriert. Wegen des unangenehmen Geschmacks der Samen ist der Goldregen jedoch für relativ wenige Vergiftungsfälle verantwortlich.

Um bei den Schmetterlingsblütlern zu bleiben, erwähnte Professor Ober uns die Calabarbohne (Physostigma venenosum), auch Gottesurteilsbohne genannt, vor, die jedoch im Botanischen Garten nicht zu finden ist. Schon in früheren Zeiten wurden die Calabarbohnen von den Bewohnern Westafrikas für „Gottesurteile“ und auch gezielte zur Tötung eingesetzt. Interessant: Das in der Bohne enthaltene Physostigmin kann bei Vergiftungen mit Atropin (z.B. von der Tollkirsche) eingesetzt werden und dessen Wirkung sogar aufheben.

 Blühender Zweig in natürl. Grösse; B Fruchthülse, desgl.; 1 Blüte ohne Krone, im Längsschnitt, desgl.; 2 Griffel mit Narbe, vergrössert

 Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kalabarbohne

Im Arzneigarten trafen wir auf eine der ältesten Kultur- und Nutzpflanzen der Menschheit. Wegen ihr wurden schon Kriege geführt! Es handelt sich um den violetten Schlafmohn (Papaver somniferum aus der Familie der Mohngewächse). Der in der Pflanze enthaltene weiße Milchsaft ist typisch für Mohngewächse. Bereits in der griechischen Antike diente der Mohnkapseltee als Schlafmittel für Kinder. Der weiße Milchsaft enthält hochpotente Alkaloide wie z.B. Morphin, Codein, Thebain, Narcein und Papaverin. Er dient zur Herstellung von Rauschmitteln wie Opium, Morphin und Heroin. Aus dem getrockneten Milchsaft unreifer Samenkapseln entsteht während des Trocknungsprozesses durch Autoxydation Rohopium. Das im Opium als Hauptbestandteil vertretene Morphin ist eines der stärksten Schmerzmittel.

Einzig die in den Kapseln enthaltenen blauschwarzen Samen sind ungiftig und werden gerne zu Mohnkuchen oder Gebäck weiterverarbeitet.

Sämtliche Produkte aus dem Schlaf-Mohn fallen unter das Rauschmittelgesetz

 

Die Europäische Eibe (Taxus baccata aus der Familie der Eibengewächse) – hier in Form einer Hecke – gehört zu den Nacktsamern. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sich an den Zweigen männliche Blütenstände, die nur aus Staubblättern bestehen, und weibliche Blütenstände, die nur aus Fruchtblättern aufgebaut sind, befinden. Im Gegensatz zu den Bedecktsamigen Pflanzen, bei denen die Samenanlage von einem Fruchtblatt umhüllt wird, liegen bei den Nacktsamern deren Samenanlage frei auf den Fruchtblättern.

Bis auf den roten Samenmantel (Arillus) enthalten sämtliche Teile toxische Taxanderivate, wobei besonders die Eibenblätter giftig sind.

Eibe mit Blättern und rotem Samenmantel (Arillus

Besonderheit: Die in Nordamerika beheimatete und vom Aussterben bedrohte Pazifische Eibe (Taxus brevifolia) enthält Paclitaxel. Dieser Wirkstoff ist in der Lage, die Vermehrung von Krebszellen zu stoppen und wird im Medikament „Taxol“gegen verschiedene Krebserkrankungen eingesetzt.

Problematisch sind neben dem sehr langsamen Wachstum und dem geringe Anteil von Paclitaxel in der Rinde der Pazifischen Eibe – für deren Gewinnung jeweils der gesamte Baum gefällt werden muss – auch die extrem hohen Herstellkosten.

Mittlerweile gibt es jedoch ein biotechnologisches Verfahren, bei der mit Hilfe von Eibenzellen in großen Kulturbehältern das Taxol produziert werden kann.

Weiter ging es zur giftigsten Pflanze Europas: Dem Blauen Eisenhut (Aconitum napellus aus der Familie der Hahnenfußgewächse). Er enthält in allen Pflanzenteilen das Alkaloid Aconitin. Schon wenige Milligramm können bei Menschen tödlich wirken. Bereits durch Berührungen der Pflanze kann das Gift durch die Haut eindringen und Hautentzündungen sowie schwere Vergiftungserscheinungen auslösen.

 

 

Der Roter Fingerhut (Digitalis purpurea aus der Familie der Wegerichgewächse) ist in allen Bestandteilen hochgiftig. Hauptwirkstoffe sind herzwirksame Glykoside, enthalten in den gegen Herzschwäche bekannten Digitalispräparaten.

Besonderheit: Der Rote Fingerhut richtet seine Blüten immer nach dem Licht aus und zählt zu den „Rachenblumen“. Mit seinen senkrecht hochstehenden Sperrhaaren verwehrt er kleineren Insekten den Zutritt in die Blüte. In der Regel gelingt es nur Hummeln, in die Blütenröhre einzudringen und zur Bestäubung beizutragen.

Fingerhut mit den typisch schräg abwärts gerichteten Blüten

Das Maiglöckchen (Convallaria majalis aus der Familie der Spargelgewächse) enthält die gleichen Giftstoffe wie der Fingerhut. Achtung beim Sammeln von Bärlauchblättern! Sie sehen den Blättern der Maiglöckchen ziemlich ähnlich; beide wachsen im Frühjahr zum gleichen Zeitpunkt und sind an ähnlichen Standorten anzutreffen. Gewissheit bringt der Geruchstest: Die Bärlauchblätter riechen nach Knoblauch.

Auch der Orleander (Nerium oleander aus der Familie der Hundsgiftgewäche), eine beliebte Kübelpflanze, ist in allen Pflanzenteilen giftig und besitzt herzwirksame Glycoside wie der Fingerhut.

Im Tabak (Nicotiana aus der Familie der Nachtschattengewächse) ist das suchtauslösende Nikotin eines der am stärksten vertretenen Alkaloide.

Tabakpflanzen mit Samenkapseln 

Der Echte Wermut (Artemisia absinthium L. aus der Familie der Korbblütler) wird bereits seit dem Mittelalter als Heilpflanze eingesetzt und u.a. von Hildegard von Bingen beschrieben. Er findet auch heute noch in der Homöopathie Verwendung.

Wermut enthält neben einer hohen Konzentration an Bitterstoffe wie z.B. Absinthin auch Ätherische Öle und Thujon. Aus Wermut und verschiedenen anderen Kräutern wird eine Wermutspirituose (Absinth) erzeugt. Hartnäckigen Gerüchten zufolge soll sich van Gogh, betrunken vom Absinth, ein Stückchen vom linken Ort abgeschnitten haben. Doch es gibt auch andere Vermutungen über die Verstümmelung van Goghs.

Wermutstaude

 

Beim giftigen Jakobs-Kreuzkraut (Senecio jacobaea aus der Familie der Korbblütler) handelt es sich nicht um einen Neophyten, sondern um eine heimische Art. Die Pflanze enthält insbesondere in den Blüten leberschädigende Pyrrolizidinalkaloide (PA). Tiere meiden die bitter schmeckenden Kräuter, doch bleiben die Giftstoffe auch im Heu oder der Silage wirksam. Sie verlieren beim Konservieren zwar den bitteren Geschmack, nicht jedoch die Giftstoffe. Dadurch sind Pferde oder Rinder besonders gefährdet und es kann so zu schweren Vergiftungen bis hin zum Tod kommen.

Wegen der vermehrten Ausbreitung in Deutschland ist inzwischen auch vereinzelt der Honig belastet. Weit größer ist dieses Problem jedoch, wenn Beimischungen von Honigen aus Australien, Neuseeland und Südamerika stattfinden, weil dort auch großflächig Kreuzkrautarten und andere alkaloidhaltige Pflanzenarten auftretenden können.

Jakobs-Kreuzkraut

Eine Besonderheit stellen die auf dem Jakobs-Kreuzkraut lebenden gelb-schwarz geringelten Raupen des Jakobskrautbären dar. Diese ernähren sich hauptsächlich vom giftigen Jakobs-Kreuzkraut, sind jedoch in der Lage, die Gifte mit körpereigenen Gegengiften zu neutralisieren und sogar durch Einlagerung zu ihrer eigenen Verteidigung zu nutzen

Anmerkung: Zahlreiche der uns vorgestellten Giftpflanzen werden wegen ihres attraktiven Aussehens in Gärten angepflanzt. Doch sollten Eltern kleiner Kinder auf bestimmte Pflanzen im Garten verzichten.

Vorsicht insbesondere bei diesen Giftpflanzen: Hortensie, Tollkirsche, Pfaffenhütchen, Engelstrompete, Schwarzes Bilsenkraut, Eibe, Herbstzeitlose, Roter Fingerhut, Herkulesstaude, Tabak, Eisenhut (gilt als giftigste Pflanze Europas, selbst das Zerreiben der Pflanze führt zu schweren Vergiftungen durch Hautkontakt!), Goldregen, Kirschlorbeer, Maiglöckchen, Rittersporn, Wunderbaum, Efeu, Rhododendron, Oleander und Christrose.

Umfassendere Informationen über für Kinder giftige Gartenpflanzen finden Sie zum Beispiel unter:

www.botanikus.de .

Ein herzliches Dankeschön an Professor Ober für diese interessante Reise in die Welt der Giftpflanzen.

 

 

 AnBoeh